Bericht über Essaywettbewerb und Symposium 2009

Der Deutsch-Chinesische Studentendialog 2009 – „harmonisch“ in allen Bereichen
von Andrea Staudhammer

Das rasante Wirtschaftswachstum Chinas der letzten Jahre hat dem Land nicht nur einen steigenden Wohlstand beschert, sondern auch zahlreiche Probleme hervorgerufen. Die sich vergrößernde Einkommensschere zwischen der städtischen und der ländlichen Bevölkerung, den reichen Provinzen der Ostküste und dem nach wie vor vernachlässigten Westen Chinas, der ungebremste Raubbau an der Natur und die daraus entstehenden Probleme der Umweltverschmutzung sorgen für soziale Spannungen. Nicht umsonst hat sich die derzeitige chinesische Führung unter Hu Jintao den Aufbau einer „harmonischen Gesellschaft“ zum Ziel gesetzt. „Harmonie“ ist seither das Schlagwort, das fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens durchzieht.

In Deutschland ist „Harmonie“ dagegen kaum im Sprachgebrauch vorhanden. In deutschen Zeitungen ist vielmehr von Gewerkschaftsstreiks, Parteikämpfen und Demonstrationen die Rede. Kann hieraus geschlossen werden, dass Harmonie in Deutschland keine Rolle spielt? Oder streben auch die Deutschen nach einem harmonischen Zusammenleben? Wie kann Harmonie überhaupt definiert werden und ist sie ein wünschenswertes Ziel? Ist die Erlangung einer harmonischen Gesellschaft möglich und auf welche Weise? Gibt es kulturunabhängige Aspekte, die für eine harmonische Gesellschaft unabdingbar sind?

„Die Bedeutung der Harmonie in Deutschland und in China“ war das spannende Thema, mit welchem sich der Deutsch-Chinesische Studentendialog 2009 befasste. Hintergrund war die Überlegung gewesen, ein aktuelles Thema aufzugreifen, das konstruktive Diskussionen ermöglichen, neue Sichtweisen eröffnen und so zu einem besseren Verständnis füreinander und eine effektivere Zusammenarbeit der beiden Kulturen miteinander führen sollte. Gerade deutsche und chinesische Studenten als die Leistungsträger von morgen sollten die Chance erhalten, sich über gemeinsame Diskussionen eine fundierte eigene Meinung zu bilden. Zu unserer großen Freude übernahm Johannes Pflug, MdB und Vorsitzender der Deutsch-Chinesischen Parlamentariergruppe im Bundestag, die Schirmherrschaft über dieses zukunftsträchtige Projekt für das Jahr 2009.

Der Startschuss fiel im Herbst 2008 mit der Ausschreibung des 1. Deutsch-Chinesischen Essaywettbewerbes zu der oben beschriebenen Fragestellung. Die Idee hierfür war anlässlich eines ersten Dialogwochenendes des DCSD im Juni 2007 entstanden. Während die Begegnungsveranstaltung von 2007 noch unter dem Motto des gegenseitigen Kennenlernens gestanden hatte, sollte der diesjährige Deutsch-Chinesische Studentendialog auch einen wissenschaftlichen Austausch zum Ziel haben. An einer deutschen Universität eingeschriebene Studierende waren bis Ende März dazu aufgerufen, sich in Form eines bis zu 10 Seiten langen Essays Gedanken über die Bedeutung der Harmonie in Deutschland und in China zu machen.

Die Auswertung der eingereichten Essays übernahm eine hochkarätige, mit beiden Kulturkreisen bestens vertraute Jury von Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft Deutschlands und Chinas: Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin, während derer Amtszeit als Bundesjustizministerin im Kabinett Schröder der deutsch-chinesische Rechtsstaatsdialog ins Leben gerufen wurde; Prof. Dr. Thomas Heberer von der Universität Duisburg-Essen, der sich durch seine Forschungen zu politischen Wandlungsprozessen in der VR China einen Namen gemacht hat; Dr. Carsten Krause, Geschäftsführer des Konfuzius-Instituts in Hamburg; Andreas Lorenz, der als Spiegel-Korrespondent die Pekinger Studentenproteste 1989 miterlebte; Prof. Dr. Meng Hong, die an der Renmin-Universität in Peking Deutschlandsstudien lehrt; und der Chef-Repräsentant der BASF in China, Jörg Wuttke.

Aus der Vielzahl an höchst unterschiedlichen Einsendungen entschieden sich die Juroren in der Kategorie „chinesische Teilnehmer“ für die Studentinnen Liang Zhuo und Wang Xixi. In der Kategorie „andere Teilnehmer“ überzeugten Hanjo Hamann und Richard Yamato. Neben einem Preisgeld von je 350€ für die Erst- und 150€ für die Zweitplatzierten erhielten die Gewinner zudem eine Einladung zum Symposium des Deutsch-Chinesischen Studentendialogs und die Ehre, ihre Essays in diesem Rahmen präsentieren zu dürfen. Diejenigen Teilnehmer am Essaywettbewerb, die nicht ausgewählt worden waren, hatten die Möglichkeit, sich mit einem kurzen Motivationsschreiben um die Teilnahme am Symposium zu bewerben, wobei dieses Bewerbungsverfahren auch anderen Studenten offen stand.

Insgesamt 31 motivierte junge Menschen fanden schließlich den Weg zu den Konferenzräumen der Volkswagen Group im Berliner Automobilforum Unter den Linden, wo wir dank der großen Unterstützung unseres Hauptsponsors VW während des Symposiums hervorragende Räumlichkeiten und eine exzellente Bewirtung genossen.

Nach einer Begrüßung durch Projektleiter Bijan Moïni übernahm Fang Han, professionelle Kommunikationstrainerin, die Moderation des anschließenden Kennenlernens, dessen Kernstück die Piktogramme der chinesischen Künstlerin Yang Liu bildeten. Diese Piktogramme spielten auch in den darauffolgenden Vorträgen und Workshops immer wieder eine Rolle, da sie wesentliche Unterschiede zwischen der chinesischen und der deutschen Kultur aufzeigen, die bisweilen zu Unverständnis und somit „Disharmonie“ führen können.

Auch Holger Bohnstedt nahm in seinem Vortrag über VW im Allgemeinen und die Volkswagen Group China im Speziellen Rückgriff auf die Piktogramme, um zu erläutern, wie VW die aus den unterschiedlichen Kulturen resultierenden Probleme gelöst hat. Im Gedächtnis blieb vor allem das auf den chinesischen Kunden abgestimmte „lachende“ Auto, das in seiner Form abstrakt den Masken der Pekingoper nachempfunden ist.

Das Freitagnachmittagprogramm sah gleich mehrere Vorträge ausgewiesener Spezialisten deutscher und chinesischer Politik und Kultur vor. Den Anfang machte Prof. Dr. Thomas Heberer mit einem Impulsvortrag zur politischen Entscheidungsfindung in Deutschland und in China. Er legte dar, dass es auch im alten China die eine Definition von Harmonie nie gegeben habe, da Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus jeweils eigene Vorstellungen von Harmonie vertraten. Auch eine sprachwissenschaftliche Deutung des Begriffes 和谐 (chin. Harmonie) im Sinne von „Satt sein und sich frei äußern dürfen“ sei wohl kaum ausreichend. Eben diese mangelnde Konkretheit des Begriffes mache es der chinesischen Führung möglich, ihn auf eine Vielzahl von Missständen anwenden zu können. Immerhin, so Heberer, sei es ein großes Eingeständnis der Regierung, soziale Disharmonien im Land als solche zu identifizieren und sich ihrer anzunehmen.

Dr. Gudrun Wacker von der Stiftung Wissenschaft und Politik zeigte in ihrem Vortrag zur Bedeutung der Harmonie in China eine Reihe solcher sozialer Probleme auf, mit welchen sich die chinesische Gesellschaft derzeit konfrontiert sieht. Neben den bereits erwähnten Einkommensunterschieden zwischen Stadt- und Landbevölkerung, Ost- und Westprovinzen ging sie insbesondere auf die grassierende Umweltverschmutzung ein, unter der nicht nur die Menschen in den Großstädten Chinas zu leiden haben. Zu den bereits bestehenden Problemen komme die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise, die tausenden von Wanderarbeitern in China die Lebensgrundlage entzogen habe. Einziger Wermutstropfen war, dass wir für dieses interessante Thema keinen deutschen Soziologen hatten gewinnen können, so dass die deutsche Perspektive etwas zu kurz kam.

Einen ersten Höhepunkt des Tages bildete die anschließende Preisverleihung. Nach einer offiziellen Begrüßungsrede durch Schirmherrn Johannes Pflug lobten Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin und Prof. Dr. Thomas Heberer stellvertretend für die gesamte Jury die Gewinner des Essaywettbewerbes für ihre analytisch hervorragenden und kreativen Beiträge.

Mit feurigen Wortgefechten begeisterten Prof. Dr. Eberhard Sandschneider von der DGAP, Prof. Dr. Thomas Heberer und Reinhard Bütikofer (MEP) bei der von Johannes Pflug moderierten Podiumsdiskussion. Eine wichtige Erkenntnis des Abends war die Feststellung, dass das Konzept der Harmonie der Legitimation der chinesischen Führung dient, gleichzeitig aber die Thematisierung von Missständen ermöglicht, ohne gesellschaftliche Umbrüche und Unruhen hervorzurufen. Letztendlich kann es auch von den chinesischen Bürgern benutzt werden, um der Regierung Untätigkeit in bestimmten Bereichen vorzuhalten. Dieser stabilitätsorientierte Ansatz ist aber allein administrativ nicht durchsetzbar, sondern bedarf der Einführung von eigenständigen Bürgerinitiativen, wozu die chinesische Regierung bislang nur eingeschränkt bereit ist. Professor Sandschneider wies außerdem darauf hin, dass eine Einflussnahme auf China aufgrund des gewachsenen Selbstbewusstseins und des Willens, einen eigenen Weg zu beschreiten, zukünftig kaum noch möglich sein werde. Professor Heberer schlug daraufhin vor, die bilaterale Politik auf eine gemeinsame Realisierung des chinesischen Konzeptes einer harmonischen Gesellschaft auszurichten.

Das eigentliche Highlight mag für so manchen Teilnehmers aber dann doch das anschließende Abendessen im All-you-can-eat China-Restaurant gewesen sein – da war dann auch die ganz persönliche innere Harmonie wieder hergestellt.

Der Samstag stand ganz im Zeichen des Dialogs. Zunächst hatten die Preisträger Gelegenheit, die wichtigsten Thesen ihrer Essays kurz vorzustellen. Für die anschließende Gruppenarbeit hatte sich Tönissteinerin Eva Nell, die schon das erste Begegnungswochenende im Jahr 2007 begleitet hatte, ein raffiniertes Rotationssystem ausgedacht, das es uns ermöglichte, in unterschiedlichen Gruppenzusammensetzungen die aufgestellten Thesen eingehender zu diskutieren. Ist der Aufbau eines individuellen Rechtsschutzes in einer kollektiven Gesellschaft wie China sinnvoll? Auf welche Weise könnte man sozialen Ungerechtigkeiten in China und Deutschland begegnen? Wie könnten die deutsch-chinesischen Beziehungen verbessert werden? Auch erfuhren wir, dass schon die Art der Herangehensweise an einen Essay viel über die kulturellen Unterschiede zwischen Chinesen und Deutschen aussagen kann.

Auf großen Anklang stieß auch die anschließende individuelle Führung durch den Bundestag, die DCSD-Mitglied und Bundestagsmitarbeiter Arne Lietz für uns hielt. Von Geheimgängen unter dem Erdboden und der ausgeklügelten natürlichen Klimatisierung des Gebäudes hatten auch erfahrene Berliner bislang noch nichts gehört.

Kaum zurück im Automobilforum ging es weiter mit einem Vortrag von Dr. Klaus Vietze, dem China-Referenten und stellvertretenden Referatsleiter Ostasien im Auswärtigen Amt, zu (Dis-)Harmonien in den deutsch-chinesischen Beziehungen der Gegenwart. Dieser stellte die beeindruckende wirtschaftliche Komplementarität der beiden Ökonomien dar, um sodann auch auf politisch sensible Themen wie die Besuche des Dalai Lama in Deutschland einzugehen. Hier wünsche er sich etwas mehr Gelassenheit von Seiten der chinesischen Führung. Im Übrigen aber seien die Beziehungen hervorragend und die Zusammenarbeit in vielen Bereichen vielversprechend. Der zweite Workshop des Tages wurde von der Volkswagen Group China organisiert und widmete sich unter Moderation von Ralf Hanschen drei für ein international tätiges Unternehmen essentiellen Fragen: Wie deutsche Angestellte auf einen Aufenthalt in China vorbereitet werden könnten, welche kulturellen Missverständnisse bei einer deutsch-chinesischen Zusammenarbeit in einem Unternehmen entstehen könnten, und wie Firmenkultur und Produkte an das Gastland angepasst werden könnten, ohne den Kern des Unternehmens zu zerstören.

An Themen für Tischgespräche mangelte es beim anschließenden Abendessen – diesmal nicht asiatisch, sondern bei von Deutschen heiß geliebter italienischer Pizza und Pasta – jedenfalls nicht.

Obgleich etwas erschöpft vom Berliner Nachtleben, ließ sich die Gruppe am Sonntagvormittag durch Fang Han motivieren, ihre Kreativität in den Ausbau eines virtuellen Netzwerkes zu stecken, welches der Aufrechterhaltung der geschlossenen Freundschaften auch nach dem Wochenende dienen sollte. Entstanden ist eine bereits jetzt ausgesprochen aktive Internet-Community, die beispielsweise die Vorfälle in Xinjiang diskutiert und deren Mitglieder sich in verschiedenen Regionalgruppen zum Besuch von Ausstellungen o. ä. verabredet. Langfristiges Ziel dieser Internetplattform soll es sein, dass sich die Teilnehmer der verschiedenen Symposiums-Jahrgänge kennenlernen, auszutauschen und so von den beruflichen und individuellen Erfahrungen der einzelnen Mitglieder profitieren.

Verantwortlich für die Organisation des DCSD 2009 waren Bijan Moïni (Projektleitung), Frieder Meidert, Patrick Böert, Stanislav Chuyev, Mascha Sofie Hochfeld, André Kistner, Arne Lietz, Alexander Reidiess, Stefan Schaffer, Stefan Stähle und Andrea Staudhammer.

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